Seit 33 Jahren steht das Ensemble von Theater HORA nun schon auf den Bühnen der Schweiz und des Auslands.
In dieser langen Zeit hat sich HORA einen hervorragenden Ruf erarbeitet und sich trotz Krisen bis heute immer wieder neu erfunden. Tauche hier in das Abenteuer HORA ein …
HORA vor HORA – wie es zur Gründung kam
Alles beginnt mit einem Aha-Erlebnis: Der Theater-Pädagoge Michael Elber sieht im Theaterhaus Gessnerallee ein Stück aus Berlin. Auf der Bühne stehen Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Michael Elber erkennt: Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung können phantastische Schauspieler*innen sein – wenn sie den richtigen Rahmen dafür bekommen. Es braucht dafür: Eine professionelle Bühne. Eine Geschichte, die zu ihnen passt. Eine Regie, die den richtigen Blick auf sie hat. Und ganz normales Publikum.
Michael Elber beschliesst, so etwas auch in Zürich möglich zu machen. Mit einer Gruppe aus einem Wohnheim für «geistig behinderte Frauen» entwickelt auch er ein Stück mit Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Sie zeigen das Stück in einem «richtigen» Theater – und haben Erfolg!
Weil Michael Elber danach unbedingt weiter machen will, deshalb gründet er im Jahr 1993 einen Verein für diese Art von Theater: den Verein Theater HORA. Den Namen HORA hat er aus dem ersten Stück, das inspiriert war von dem Kinder-Roman «Momo» von Michael Ende. «Meister Hora» die dort Figur, die den Menschen die Zeit gibt.
HORA erfindet sich
Die Anfänge vom Verein Theater HORA sind wild: Das HORA-Büro ist das WG-Zimmer von Michael Elber. Räume zum Proben müssen jedes Mal extra gemietet werden. Die Schauspieler*innen können nur in ihrer Freizeit spielen – nach einem langen Tag in der Werkstatt. Fast alles muss neu gefunden werden und erfunden werden. Der junge Verein riskiert viel: Immer neue Kunst und Theater-Formen ausprobieren. Kultur-Förder-Gelder beantragen. Festivals organisieren. Auf Tournee gehen durchs Zürcher Umland. Für viel Geld einen eigenen Probe-Raum mieten. Einen Geschäfts-Leiter anstellen: Giancarlo Marinucci. Und gleichzeitig weiter herausfinden: Wie geht das überhaupt – Theater mit Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung?
Die Anstrengung ist riesig: Es gibt viel zu tun – und fast kein Geld für diese Arbeit. Ein paar Mal ist HORA kurz vor der Pleite.
Schon früh gibt es deshalb eine Idee, wie HORA sicherer arbeiten könnte: als Kultur-Werkstatt. Kultur-Werkstatt heisst: Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung machen Theater als Werkstatt-Arbeit. Sie bekommen ihren Monats-Lohn dafür. Auch das HORA-Team bekommt regelmässig Lohn: als Werkstatt-Leitung. Es dauert viele Jahre, bis auch die «Geld-Geber» für behinderte Menschen von dieser Idee überzeugt sind: davon, dass auch Kunst-Machen Arbeit ist. Erst im Jahr 2002 ist es endlich so weit: HORA darf Werkstatt von Stiftung Züriwerk werden. Die Zukunft von HORA ist gesichert.
HORA kämpft um seine Anerkennung
Lange Zeit war HORA (fast) wie jede andere Freie Theater-Gruppe in Zürich: Für jedes neue Stück musste die Gruppe neu Geld organisieren – und einen Ort, wo sie das Stück zeigen konnte. Jetzt ist HORA eine Kultur-Werkstatt für behinderte Menschen. Es hat für seine Stücke ein eigenes kleines Theater – den Casino-Saal Aussersihl. Und Schauspieler*innen und Theater-Leitung bekommen einen Monats-Lohn. Es gibt Raum, Zeit und Geld für neue Projekte. Zum Beispiel: für eine Band – die HORA’BAND. Oder für eine Schauspiel-Schule für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung. Was aber ist HORA jetzt für die Zürcher Kultur-Szene? Es ist keine wirkliche Freie Gruppe mehr. Aber es ist auch kein Stadt-Theater. Ist HORA jetzt das, was es nie sein wollte: eine Behinderten-Institution?
Auch wenn HORA jetzt erst einmal nicht mehr so viel kämpfen muss: Kämpfen muss HORA jetzt vor allem um seine Anerkennung durch die Kultur-Szene. Der HORA-Geschäfts-Leiter Giancarlo Marinucci hat eine Idee für die «Vernetzung» von HORA mit der Kultur-Szene: das internationale Theater-Festival OKKUPATION!. Die Idee für das Festival ist einfach: Zehn Tage lang besetzen HORA und andere Gruppen mit behinderten und anderen ungewöhnlichen Künstler*innen aus der ganzen Welt die wichtigsten Theater von Zürich. Dafür knüpft HORA Kontakte mit diesen Theatern. Gleichzeitig lernt HORA durch die eingeladenen Festival-Stücke viele ungewöhnliche Künstler*innen kennen. Einer dieser Künstler*innen ist der französische Choreografen-Star Jérôme Bel. Als Jérôme Bel auf HORA trifft und ein Stück mit ihnen macht, da wird für HORA vieles anders.
HORA wird welt-berühmt
Das Stück von HORA und Jérôme Bel heisst DISABLED THEATER und wird sofort an vielen grossen Festivals gezeigt: In Brüssel. In Kassel. In Avignon. In Essen. In Paris. Dort wird es von vielen anderen Theater-Leuten gesehen und danach in die ganze Welt eingeladen. Theater-Leute diskutieren über das Stück – sie schreiben Kritiken und Bücher darüber. Manche Leute hassen das Stück. Für eine Weile ist HORA welt-berühmt.
Was bedeutet dieser Erfolg für das kleine Theater HORA? Überraschung. Anerkennung. Euphorie. Reisen. Und weitere Preise. Aber auch: Anstrengung. Druck. Und Überforderung. HORA versucht, das Beste aus dem Erfolg zu machen. Es engagiert eine Produktions-Leitung und eine Mitarbeiterin für Michael Elber. Es arbeitet mit weiteren Gast-Künstler*innen zusammen – ein leichtes Spiel, denn auf einmal wollen alle mit HORA zusammenarbeiten. Es gibt sein eigenes Theater auf – und spielt stattdessen wieder auf den Bühnen der Zürcher Kultur-Szene. Es beantragt feste Kultur-Zuschüsse – und bekommt sie. Es wagt aber auch neue Experimente – zum Beispiel das Projekt FREIE REPUBLIK HORA, wo die kognitiv beeinträchtigten HORA-Schauspieler*innen selbst die Regie übernehmen. Seit dem Erfolg mit DISABLED THEATER ist das HORA-Team ein bisschen grösser geworden. Aber für die vielen neuen Herausforderungen ist es immer noch viel zu klein. Nach ein paar Jahren sind die Team-Mitglieder völlig erschöpft. Auf den Höhenflug folgt der Absturz. Es kommt zu Burn Outs, Krankheits-Ausfällen und Kündigungen. Als Curdin Casutt 2018 HORA als neuer Gesamt-Leiter übernimmt, steht er vor einem Scherben-Haufen. Er muss die Schauspiel-Ausbildung schliessen. Er muss den gesamten HORA-Betrieb neu organisieren. Und er muss ein neues Leitungs-Team engagieren.
HORA erfindet sich neu
2020 startet HORA neu. Die HORA-Schauspieler*innen sind dieselben geblieben. Aber sonst ist vieles jetzt anders:
Ein junges Team hat die Leitung übernommen.
Vieles ist professioneller geworden: Es gibt höhere Kultur-Zuschüsse. Theater-Pädagog*innen begleiten ab jetzt die Schauspieler*innen bei Workshops, Produktionen und Gast-Engagements. Es gibt überhaupt mehr Mitarbeiter*innen.
HORA-Stücke entstehen jetzt in der Abteilung «Produktion». Diese Abteilung funktioniert wieder so wie eine Freie Gruppe: hier arbeiten die HORA-Schauspieler*innen nur, wenn sie ein neues Stück proben. Oder wenn es eine Gastspiel-Einladung gibt.
Die übrige Zeit verbringen die HORA-Schauspieler*innen im «Labor». Das Labor ist die neue «Heimat» vom HORA-Ensemble. Hier bekommen sie das ganze Jahr über Weiterbildung in Workshops: Theater-Workshops, Tanz-Workshops, Schreib-Workshops, Kunst-Workshops und vieles mehr. Diese Workshops dauern 1-3 Wochen lang und werden von Künstler*innen aus der Kultur-Szene geleitet.
Mit der Kultur-Szene ist HORA inzwischen sehr gut «vernetzt». Viele Freie Gruppen haben inzwischen mit HORA zusammen gearbeitet. HORA-Schauspieler*innen haben ausserdem Gast-Engagements bei anderen Gruppen und Theatern. Regelmässig gibt es Zusammenarbeiten auch mit Stadttheatern – mit dem Schauspielhaus, dem Theater Neumarkt, aber auch mit den Münchner Kammerspielen.
Die künstlerische Leitung von HORA wechselt jetzt alle 4-7 Jahre. Von 2020-2027 sind die Schauspieler*innen Yanna Rüger und Stephan Stock diese künstlerische Leitung. Ab Herbst 2027 übernimmt die Dramaturgin Julia Reichert.
Auch die HORA’BAND gibt es immer noch: Im Jahr 2024 hat sie ihren zwanzigsten Geburtstag gefeiert.